115 – Das Internet

Flaggenfetzen


(Baendit – Teilzeitschizophren ft. Littarist & Tim Bleil)

So, wieder wurde ein Stichwort für den Blogideenkasten gezogen, und wieder ist es ein Thema zu dem ich viel zu sagen habe.
Heute soll es also um das Internet gehen. Genauer gesagt, um dessen Einfluss auf unser Leben.
Fangen wir also an.

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Bei mir ging das mit der exzessiven Internetnutzung so gegen 1999 oder 2000 los.
Und da kam auch schon einer der größten Verdienste, die das Internet für mich je hatte:
Chats.

Ich war damals Stammhörer einer regionalen Radiosendung, die schon damals damit angab relativ interaktiv zu sein.
Die hatten (und haben) einen Chat auf Spin.de (damals noch Spinchat ^^) – Minidela wuselte da also rein, und irgendwie waren die da alle cooler als die meisten RL Menschen.
Du hattest erstmal ne brauchbare Chance auf nen brauchbaren ersten Eindruck als Mensch, wurdest nicht gleich vom ersten Besehen als Behinderte…

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Die Geschichte des kleinen Nerds

Dies ist mein kleiner Betrag zum Blogideenkasten, wo wir uns aus einer Vielzahl von vorgeschlagenen Themen zufällig eines rauspicken und dann versuchen, darüber zu schreiben. Diesmal geht es um das Thema Internet und seine Auswirkungen auf mein Leben.

 

Es war einmal, vor langer Zeit, ein kleiner Nerd. Der kam Mitte der 90er mit 16 auf die Idee, von seinem sauer Erspartem 350,-DM abzuzwacken und sich ein analoges Modem zu holen. Erst wusste er nicht so recht, was er damit tun sollte, so rief er seine Kumpels auf Telefon an und piepte die mit seinem Modem voll, einige dachten sie seien einem großen Geheimnis auf der Spur und wurden von Außerirdischen oder dem Militär angerufen. Dann fand der kleine Nerd raus, das er über das Gerät auch Faxe verschicken kann, und er verschickte Faxe über Faxe an Firmen in ganz Deutschland, Weihnachtsbäume aus Schriftzeichen, endlose schwarze Seiten und manchmal auch geheime Geheimbotschaften.  Aber das konnte noch nicht alles sein. Da der kleine Nerd auch ein Programmierer und ein großer Fan der PC-Demo-Szene war hatte er auch BBS-Intros auf seinem Rechner, das waren kleine selbst ablaufende Multimediapräsentationen welche Mailboxen vorstellten. Er probierte viele dieser Mailboxen aus, kam so zum ersten mal in seinem Leben an Daten ohne sie über externe Datenträger kopieren zu müssen, er war als Programmierer auf einmal nicht mehr allein in seinem kleinen Dorf, wo er bisher immer als ein neunmalkluger Sonderling galt und tauschte sich zum ersten mal mit anderen kleinen Nerds in ganz Deutschland aus, was seiner bösen Pflegemutter doch sehr Missfiel, war er doch glücklich und die Telefonrechnung leider immer sehr hoch. Der kleine Nerd hatte dadurch sehr viel Ärger, doch wollte er auf diese neue Technologie, die sein Leben doch so sehr bereicherte nicht mehr verzichten. Irgendwann fand er eine Mailbox, welche er zum Ortstarif erreichen konnte. Der Sysop dort fragte ihn, ob er nicht Lust hätte beim FidoNet mitzumachen, ein Kommunikationsnetz wo man seine Nachrichten einfach als ein komprimiertes Datenpaket abholte, seine Nachrichten sendete und so tausende andere Menschen in öffentlichen Brettern erreichen und sich mit ihnen austauschen konnte. Die Telefonrechnung ging rapide nach unten, die böse Pflegemutter war zwar immer noch missmutig, denn der kleine Nerd hing jetzt noch mehr vor seinem Kasten. Und jeder kluge, aufgeklärte Mensch damals wusste doch: Davon gibt es viereckige Augen. Doch er wollte einfach nicht hören, schrieb Beiträge über Beiträge, ging auf seine ersten Usertreffen und lernte andere Nerds kennen, und sie beschnupperten sich, tranken zusammen Bier, und philosophierten über Themen, die sie vorher schon in hunderten von Beiträgen im FidoNet besprochen hatten. Die Gastwirte in den Gaststätten wunderten sich auch sehr über diese seltsamen Leute, welche merkwürdiges Kauderwelsch sprachen und um so betrunkener sie wurden, um so unverständlicher wurde es. Nach den Usertreffen wurde dann im Netz über die Treffen geredet. Kaum war man zu Hause, pollte man seine neuen Nachrichten, pollen – so nannte man den Austausch der Datenpakete. Innerhalb der Bretter war man stehts um einen gepflegten Umgangston bemüht. Man führte sich immer vor Augen: Am anderen Ende sitzt ein Mensch. Netiquette wurde noch sehr hoch gehalten, und wenn man unbedingt mal seine Wut und ein bisschen Hass rauslassen wollte, gab es dafür gesonderte Bereiche. Der kleine Nerd war sehr glücklich mit dem Fidonet, probierte damals aber auch schon ein wenig mit dem Internet rum, was in seinen Augen aber nicht sonderlich toll war, man musste dauerhaft Online sein, was sehr viel Geld kostete, und außer für kleine Filmchen im Briefmarkenformat nutzte er das Internet eigentlich nicht.

 

Dann ereigneten sich Ereignisse im Leben des kleinen Nerds. Er musste hinaus in die große weite Welt, jenseits der Netzwerke, er nutze Rechner zwar weiterhin, diese jedoch Offline, was für ihn kein Problem darstellte, war er es doch aus den Zeiten vor dem Fidonet so gewöhnt, und er fand es aktuell viel interessanter Prinzessinnen zu töten und Drachen zu retten. Doch war er immer sehr interessiert an den Entwicklungen, die dort stattfanden, er beobachtete, wie das Internet wuchs, wie sich neue Bereiche entwickelten, in denen viele Taler verdient wurden. Doch hatte all das Substanz? Der kleine Nerd war skeptisch. Doch dann, im Jahre  2007 – inzwischen war aus dem kleinen Nerd ein großer geworden – entschied er sich beim großen Online-Spiel mitzumachen. Er holte sich einen kleinen DSL-Anschluß, diese waren inzwischen so günstig, das er sich manchmal ein wenig ärgerte in längst vergangenen Tagen so viel bezahlt zu haben. Und die erste Zeit wunderte er sich doch sehr über das gelobte Internet. Er rechnete noch oft in Megabytes, konnte sich kaum erklären warum die Leute es einfach so akzeptieren, das große Datenmengen in Form von Werbung übertragen wurden, so viel Werbung, das selbst die von ihm so verhassten Privatsender neidisch werden mochten. Auch erstaunt war er über erfundene Wörter, womit Menschen Unmengen an Talern erzeugten, „Web 2.0“ zum Beispiel, was nichts anderes war als ein im Browser ausgeführtes Programm, welches von selbst neue Inhalte nach lud. Viele nicht-Nerds füllten so mit erfunden Worten ihren Talerspeicher, es entwickelte sich alles sehr sehr schnell, und der große Nerd hatte den Eindruck, das sich zwar das drumherum prächtig entwickelte, die Menschen aber während der Talerschaufelei nicht sonderlich auf ihre Sicherheit achteten. „Nun gut.“, sagte er sich, und er dachte an die schönen Diskussionen im Fidonet zurück und entschied sich flugs, das Usenet mal auszuprobieren. Er schrieb ein paar Beiträge und wurde beschimpft. Er stellte ein paar Fragen und wurde beschimpft. Er beschloss, vor das Usenet eine Schubkarre Heringe zu kippen und trollte sich. Das war wohl nicht das richtige. Aber es gab ja auch noch so viel anderes. Seine Freunde hatten inzwischen auch alle Internet. Doch war es gar nicht so einfach, mit ihnen in Kontakt zu treten. Der große Nerd bevorzugte verschlüsselte Chats, doch die Freunde verstanden ihn nicht und wollten lieber mit ICQ Chatten. Denn ICQ war gut, sagten sie, schließlich mache ein großer Privatsender Werbung dafür. Da der große Nerd aber wenig Lust auf ICQ hatte, blieb er dabei seine Freunde zu Fuß zu besuchen. Dann probierte er Foren aus. Er stellte eine Frage bezüglich seines Kühlschranks, wie man ein Eisfach abtaut. Ein Mitforist antwortete, das er nicht alle Tassen im Schrank hätte so eine Frage zu stellen. Ein anderer Frage ihn, ob er den Treiber seiner Grafikkarte aktualisiert habe und der Nerd solle doch erstmal überhaupt schreiben, welche Hardware er habe. Er antwortete „Öhm, Privileg, so einer mit drei Sterne Gefrierfach.“ Das war dem Mitforisten nicht konkret genug. 23 andere Mitforisten sagten, das sie nicht wüssten, wie man ein Eisfach abtaut. Er beschloss weiterzuziehen, trieb sich dann viel auf Nachrichtenportalen rum und war immer sehr gut informiert. Gut informiert zu sein war wichtig, schliesslich leben wir in einer Wissensgesellschaft. Und wenn man die Foren der Nachrichtenseiten ignorierte war das sogar ganz angenehm.

 

Dann wurde der Nerd krank und konnte erstmal keine Drachen mehr retten. So beschloss er mal so etwas wie Second Life auszuprobieren. Und das war was. Eine riesige abstrakte Welt, in der man Dinge erschaffen und mit anderen Menschen in Kontakt treten konnte, und man musste nicht mal Heringe mitnehmen. Der Nerd fand dort sogar einen Drachen, mit dem er nachher fast jeden Tag zwölf Stunden verbrachte. Und selbst die Prinzessinnen waren einigermaßen erträglich. Nur sah der Drache leider einige Dinge anders wie der Nerd und verliebte sich, was den Nerd sehr wunderte. Er fand es ja auch irgendwie schön, aber er hatte ein ungutes Gefühl bei der ganzen Sache. Er fand heraus, das sich der Drache in einer Art Traumwelt befand, er reflektierte sein Verhalten und merkte schnell, das es ihm doch sehr ähnlich ging. Wir lebten eine Illusion, und plötzlich verstand der Nerd, was die Leute immer damit meinten, das sie zurück ins reale Leben müssten. Vorher gab es diese Trennung für ihn nicht. Er merkte, er müsste das beenden, auch wenn er nicht genau verstand warum, denn ob er nun in einer virtuellen Welt oder in der realen Glücklich war – war das nicht egal? War das Gefühl nicht dasselbe?
Dann nutzte er das Netz wieder primär um sich zu informieren. Inzwischen waren soziale Netzwerke zu riesigen Konstruktionen geworden, in denen sich Millionen von Menschen tummelten. Doch auch das sah er kritisch. Was passierte mit den Daten, die gespeichert wurden? In wessen Hände könnten diese Daten irgend wann einmal geraten, wer würde die Daten aus dem einen Netz mit Daten aus anderen Netzen abgleichen? Der Nerd sammelte Briefmarken. Er hätte über die sozialen Netze viele Kontakte zu anderen Briefmarkenfreunden schließen können. Doch was wäre, wenn irgend wann einmal Briefmarkensamlerhasser an die Macht kämen, sich einfach alle Daten holen würden und ein Profil über sein komplettes Leben erstellen könnten? Trotz allem meldete er sich bei einem sozialen Netzwerk an. Er wusste, das dieses Netzwerk zu einem Unternehmen gehörte, welches Risikoeinschätzungen macht, doch er lies es drauf ankommen. Aber ein Netz reichte ihm dann auch. Dort gab es viele Drachen zu retten, und es machte ihm Spaß. Dafür empfand er nur noch wenig Freude an der Informationsvielfalt. Im laufe der Jahre traten die Nachrichtenportale in einen regelrechten Krieg gegeneinander. Es wurde fast nur noch übereinander geredet als miteinander, und jeder glaubte von sich, der Besitzer der einzigen Wahrheit zu sein. Das machte es für den Nerd sehr schwer, sich selbst eine Meinung zu bilden.
Trotz all der Dinge, die er nicht mochte: Er wollte auch nicht mehr auf das Netz verzichten. Ganz im Gegenteil: Er fand es sogar spannend und hatte das Gefühl, der kleine Teil von etwas ganz Großem zu sein.

 

Und so blieb er.

 

Der Anfang

Es war einmal, vor langer Zeit,
am Anfang der Vergangenheit,
eine flinke Spermazelle,
die recht flott in aller schnelle,
ein Ei zum befruchten fand.
Und ich entstand. 😐